Offener Brief von Johannes Heinrichs an Jürgen Habermas, im Sommer 2007
Sehr geehrter
Herr Habermas,
diesen Offenen Brief an Sie schreibe ich gleichzeitig als Nachwort zu meinem Buch Handlungen. Das periodische System der Handlungsarten. Es handelt sich um eine völlig neubearbeitete Version von Reflexionstheoretische Semiotik Teil 1: Handlungstheorie von 1980. Ihre frühen Schriften, besonders Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenzen, haben mir wichtige Anregungen dazu gegeben mit der Unterscheidung von strategischem und kommunikativem, auch instrumentellem Handeln. Bei meinen ersten Vorlesungen zur Sozialphilosophie anno 1975 an der Frankfurter Jesuitenhochschule St. Georgen gab es etliche Studenten, die von den Vorlesungen des unbekannten Anfängers im Dozieren zu Ihren Lehrveranstaltungen und denen Ihres Kollegen Karl-Otto Apel hin und her pendelten. Ich konnte mich damals nicht dazu aufraffen, das persönliche Gespräch mit Ihnen zu suchen. Es lag mir umso weniger, als Unbekannter bei Berühmtheiten anzustehen, als ich selbst eine Grundintuition zu schützen und auszuarbeiten hatte, die ich damals zunächst „transzendentale Dialogik“, dann aber seit meinem Buch Reflexion als soziales System (1976) eine Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft nannte.
1976 geschehene Vermittlung zwischen Handlung und System
Dieses Buch ist Ihnen wenig später von einem gemeinsamen Bekannten, Ihrem Bonner Studiengenossen Rudolf Debiel, eigens zugesandt worden. In ihm wird kein geringerer Anspruch erhoben als der, zwischen Ihrem handlungstheoretischen Ansatz und Impuls und Niklas Luhmanns Systemtheorie der Gesellschaft eine konstruktive Vermittlung, eine Synthese, gefunden zu haben: Die Handlungen zeichnet eine praktische soziale Reflexion aus, die nicht ad infinitum weitergeht, sondern nach vier Reflexionsstufen (instrumentelle, strategische, kommunikative und metakommunikative Reflexion) zu einem systembildenden Abschluss führt. Diese gelebte oder praktische Reflexion bildet Handlungssysteme, an denen sich analog vier Subsysteme unterscheiden lassen, die im Staat lauten: Wirtschaft als instrumentelle Begegnung der Menschen in Bezug auf Güter, Politik als strategische Kompetenzen- und Machtverteilung, Kultur als Inbegriff der kommunikativen Gemeinsamkeit und Legitimations- oder Grundwertesystem in Bezug auf die sinngebenden Letztwerte. Für mich war seitdem die berühmte Habermas-Luhmann-Debatte in der Sache beendet. Leider allerdings nicht in der Öffentlichkeit. Und leider nicht bei den Hauptkontrahenten, die keinerlei Notiz davon zu nehmen schienen – obwohl es doch zumindest in Frankfurt Studenten, später sogar Professorenkollegen gab, die meine Entwürfe sehr genau kannten, sich allerdings stärker als Opportunisten denn als Philosophen erwiesen.
Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben?
Lebensgeschichtlich leistete ich mir eine Schwäche, indem ich ein Jahr nach Erscheinen von Reflexion als soziales System schrittweise den Jesuitenorden verließ, endgültig dann 1981, und zwar aus Gründen der geistigen Freiheit und aus wachsender intellektueller wie emotionaler Aversion gegen ein monarchisches Kirchensystem, das bis heute in Komplizenschaft mit der anderen Kirche eine Art Konfessionsstaat begründet. Allerdings war mir Ihre Alternative, ein spätmarxistischer Atheismus, keineswegs attraktiver, so dass ich auch von dieser Seite nicht motiviert war, die Distanz aktiv und einseitig von meiner Seite zu überbrücken, stärker als in den öffentlichen Schriften geschah. Denn ich war, schon mit der Einführung des Begriffs „Sinn-Medium“, der ontologischen Vertiefung dessen, was Apel „Apriori der Kommunikationsgemeinschaft“ nennt, stets zugleich ein spirituell Denkender, nicht allein aus „religiös musikalischer“ Veranlagung, sondern aufgrund denkerischer Notwendigkeit. Bei Ihrer viel späteren Begegnung mit Joseph Kardinal Ratzinger wunderte ich mich. Hat nicht schon Hegel unter „Kampf der Aufklärung mit dem Aberglauben“ deutlich genug ausgeführt, dass die halbe und bloß atheistisch demaskierende Aufklärung im Unrecht bleibt gegenüber denen, die am ermöglichenden „göttlichen“ Wesen von Freiheit und Selbstbewusstsein festhalten? Und haben die halb fundamentalistischen Kirchenvertreter nicht leichtes Spiel gegenüber einer auf halber Strecke verharrenden Aufklärung, die in diesen Dingen nicht konstruktiv-alternativ wird? Kein Wunder, dass Ihr Zugeständnis, dass in biblischen Traditionen ein humanistisch bedeutsamer Sinn liegen könne, als Wasser auf die Mühlen der Traditionalisten gewertet wurde. Wenn man den Kirchenleuten größere „religiöse Musikalität“ zugesteht, desavouiert man die religiösen und spirituellen Positionen, die über die dualistische Alternative von traditionellen Konfessionen und Atheismus hinauswollen.
Bundesrepublikanische Korruption der Geisteswissenschaften
Nochmals kurz zurück ins Biographische: Gerade in Bonn, wo ich bei Klaus Hartmann promoviert und 1973 den Universitätspreis erhalten hatte, waren und sind diese klerikalistischen (Ihre früheren Weggefährten hätten gesagt: klerikalfaschistischen) Strukturen so stark, stärker wahrscheinlich noch als zu Ihrer Zeit dort unmittelbar nach dem Krieg, dass mein Optimismus, an einer freien weltlichen Uni wieder beruflich Fuß zu fassen, sich als bittere Illusion herausstellte. Da ich außerhalb des Ordens keinen Seilschaften angehörte, erwies sich das untergründige Intrigieren der Konkordatslehrstuhl-Inhaber in Bonn wie anderswo zunehmend als verhängnisvoll. Außer einer kurzen Lehrstuhlvertretung in Bonn gelangte ich erst 1998 wieder zu einer Professur an der Humboldt-Universität in Berlin, und auch dies nur gastweise, solange die Schweisfurth-Stiftung die Nachfolge Rudolf Bahros nach dessen Tod gewährleistete. Warum erwähne ich dergleichen in einem Brief an Sie, verehrter Herr Habermas?
Aus diesem Grunde: Meine tiefste Enttäuschung bildete nicht die kirchliche Restauration nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, nicht einmal die einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft unwürdige staatskirchliche Kungelei an den Universitäten (wie in den Schulen, im Gesundheitswesen und allerorts), sondern das weitgehende Versagen des Diskurses im universitären Bereich: Es ist offensichtlich, dass Partei-, Konfessions- und Seilschaftszugehörigkeiten für eine akademische Karriere ausschlaggebender sind als akademische Leistungen. Damit ist die schöne Idee der Universität als Ort des gesellschaftlichen Diskurses bereits ad absurdum geführt! Expertus dico: Ich spreche aus einer Erfahrung von, im mehrfachen Sinne, höchst existentieller Art, wie sie wohl nur wenigen so überdeutlich zugänglich ist. Für eine freie und strenge Philosophie als Grundlage der gesamten Geisteswissenschaften sind das keine Randerscheinungen, sondern ein tödliches Gift. Wer thematisiert dergleichen heute, während Sie sich mit dem Herrn Kardinal sanft die Ehre geben und über religiöse Musikalität reden?
Zweideutigkeit von „Diskurs“
Nun könnte ich mit solcher Klage bei Ihnen dennoch offene Türen einrennen. Doch hier setzt nun meine Kritik an der Diskurs-Theorie von Habermas sowie der Diskurs-Ethik von Apel an: Welchen Begriff von Diskurs unterlegen Sie eigentlich, Herr Habermas? Man könnte meinen, es ist der Diskurs im Sinne der rationalen Argumentation. Ein solcher Diskursbegriff gehört in der Tat an die Universität. Wenn er dort nur strenger gepflegt würde!
Indem Diskurs jedoch als allgemeines Gesellschaftsmodell verstanden wird, wird er nicht allein illusorisch, wie Ihnen von vielen anderen Seiten vorgeworfen wurde, sondern falsch und kontraproduktiv: Eine kommunikative Gesellschaft kann weder noch darf sie nach dem Diskursmodell funktionieren. Ist etwa eine Parlamentsrede und -debatte ein Diskurs? Keineswegs im Sinn des Vorherrschens rein rationaler Argumentation! Solche Rede-Arten und mit ihnen ein Großteil unserer Alltagskommunikation stellen Werte-Kommunikation dar, nicht Diskurse. Diese Unterscheidung habe ich schon in Reflexion als soziales System unter der Sie provozieren sollenden Überschrift „Die kommunikative Inkompetenz“ des Diskurses getroffen und später in Revolution der Demokratie (2003) mitsamt ihren institutionellen Folgerungen ausgebaut. Max Weber hat diese Wertrationalität hoch gehalten, wenngleich sie in seiner Rationalitätsskala der Handlungen nicht oben stehen kann. Wo ist der systematische Platz der ganzen Wertrationalität in Ihrer „Diskurstheorie“?
Ich muss dieses Wort in Anführungszeichen setzen, weil eine Theorie auf strenge Einhaltung begrifflicher Konsistenz angewiesen ist. Ihr Diskursbegriff ist jedoch alles andere als konsistent: Er schillert zwischen der Bedeutung von „argumentativem Diskurs“ und discours(e) im englischen wie französischen Sinne. Dieser bedeutet Rede überhaupt, nicht etwa bloß argumentative Rede. Dieses Schillern zwischen zwei grundlegend verschiedenen Bedeutungen gibt Ihrem „Diskursbegriff“ aber seinen ganz besonderen Charme für alle Dumm- und Moderedner der Republik. Man muss die ganze heutige Rede von Diskurs wohl zu 80 Prozent als Moderede bezeichnen. Und das scheinbar im Zeichen von Diskurs als argumentativer Rede: höchst paradox!
Das Paradox geht noch weiter: Unter der irrationalen und täuschenden Herrschaft des doppelzüngigen „Diskurses“ verkommt die rationale Argumentation dort, wo sie wesentlich hingehört, an den Universitäten, während sie da, wo sie hauptsächlich im Munde geführt wird, im öffentlichen, im politischen, künstlerischen, weltanschaulich- religiösen Bereich, gar nicht primär und tonangebend sein kann und soll. Dazu gehört sogar der ethische Bereich, ohne dass ich hierüber in diesem Rahmen eigens argumentieren will: Der ethische Diskurs kann nur sachliche Entscheidungsgrundlagen schaffen. Wo er meint, sich an die Stelle der lebendigen Wertentscheidungen – auf Grundlage der ganzen, gestuften Vorentscheidungsstruktur des Individuums - setzen zu können - ist er pure Illusion. Wer aber solche Illusionen mit modischen Vokabeln nährt, begeht zumindest unwissentliche Täuschung!
Institutionelle Ermöglichung von kommunikativer Gesellschaft
Was wir im öffentlichen Bereich brauchen, ist keine Diskursethik, die auch bei Apel immer nur auf der Stelle der „notwendigen Bedingungen der Möglichkeiten“, also inzwischen sattsam bekannter Voraussetzungen von Interaktion und Sprache tritt, sondern vielmehr: institutionelle Vorkehrungen, die der gesellschaftlichen Kommunikation, der Demokratie als einer kommunikativen Gesellschaft, Chancen bieten. Dazu gehört ein nach den reflexiven Wertstufen gegliederter Parlamentarismus, der die Wirtschaftsdominanz des Gesamtsystems nicht bloß idealistisch umkehrt, sondern im Sinne von Integration-durch-Differenzierung beendet. Doch solche Systemtheorie der Gesellschaft sind Sie, Herr Habermas, schuldig geblieben. Die bloße Opposition zu Luhmanns quasi-technokratischem, fortschreitend subjektloseren Systembegriff genügt nicht.
Lebenswelt versus Systeme?
Auch Ihre Unterscheidung von kuschelig-kommunikativer Lebenswelt und bösen, entfremdenden Systemen (seit 1981) erschien mir, der ich meinte, das systembildende Prinzip Reflexion im Handeln selbst erkennen zu können, von Anfang an auf Kategorienfehlern zu beruhen: Bei Husserl ist Lebenswelt das (angeblich) vorreflexive Leben, das ich selbst freilich gelebte Reflexion nennen würde. Ist es wirklich irgendwo Ihre Absicht, dieses aus der Perspektive der Teilnehmer zu artikulieren? Oder beziehen Sie nicht bereits eine soziologische Beobachter-Perspektive? Dann aber ist es nur aufgrund theoretischer Mängel zu rechtfertigen, die Entfremdung der Handelnden gegenüber den Systemen als reflexionskonstituierten Handlungssystemen theoretisch sowie in Folge auch praktisch-politisch aufrecht zu erhalten. Diese Dichotomie bekommt daher ebenfalls einen eher modischen und appellativen als Erkenntnis erschließenden Klang und Charakter. Was folgt denn an institutionellen Vorkehrungen aus dieser Dichotomie? Wollen Sie etwa die Abwendung der Lebensweltbewegten von den Systemproblemen? Und eine Bürgerbewegung, die systemisch alles beim Alten lässt, indem sie es links liegen lässt?
Verfassungspatriotismus versus kulturelle Identität?
Mit dem, wenn auch unbestimmt bleibenden, Diskurs-Rationalismus hängt Ihre Auffassung von Verfassungspatriotismus als hinreichender Identifikation mit nationaler Identität zusammen. Sie steht allerdings in Gegensatz zu Ihrer Betonung des Kommunikativen im Unterschied zum strategischen und instrumentellen Handeln. Denn Verfassungspatriotismus soll sich doch, wenn das Wort etwas Genaues besagt, auf die politisch-rechtlich Sphäre beziehen, die den strategischen und instrumentellen Handlungsarten zuzuordnen ist. Ich habe in meinem Buch Gastfreundschaft der Kulturen (1994) – sicher von Ihnen auch unbeachtet – Argumente für kulturelle Identifikation anstelle einer bloß rechtlich-politischen gebracht, die den Einwänden von Charles Taylor gegen Ihre diesbezügliche Position auf systemtheoretische Art und Weise korrespondieren. Das Nationale auf Verfassungspatriotismus zu reduzieren, greift entschieden zu kurz, auch für das, wie Sie ausführen, im Ansatz stärker rechtlich-politische Nationverständnis der Franzosen. Das Rechtlich-Republikanische ist auch für unsere Nachbarn lediglich der Ansatz, keineswegs die emotionale und kommunikative Füllung des Nationbegriffs, gerade für sie nicht. Darüber hinweg zu sehen und die Verdächtigung aller spezifisch kulturellen, nicht universalistischen Identifikation, ignoriert den notwendigen Rest von nationaler Gemeinschaftlichkeit im bloß rechtlich organisierten, Universal-Gesellschaftlichen. Es beruht auf „diskursiver“ Wertblindheit, mag Diskurs nun Argumentation oder Rede überhaupt besagen wollen. Diese zur Multi-Kulti-Mentalität führende Haltung hat sich längst als wenig hilfreich für eine wirkliche wechselseitige Gastfreundschaft der Kulturen bei Wahrung ihrer jeweiligen Identität und für eine befriedigende Integration der Migranten erwiesen. Nur wenn man meint, dass kulturelle Identität eines Gemeinwesens, über seine Rechtsordnung hinaus, ein überholter Luxus sei, kann man „Verfassungspatriotismus“ als hinreichende Basis erklären.
Was heißt rationale Begründung?
Ihre Bestimmung von „Rationalität“ und „rationaler Begründung“ schwankt übrigens ebenso wie der Diskursbegriff zwischen Rationalität als argumentativ klärbar einerseits und irgendwie begründbar anderseits. Wenn Intuitionen (ein Wort, das Sie oft, wohl im uneigentlichen Sinn, für noch nicht argumentativ Erschlossenes verwenden) und Emotionen auch Gründe sind wie die Pascalschen „raisons que la raison ne connait pas“, dann ist solche Wertrationalität nur Hinweis auf subjektive Begründungsansprüche, keine Rationalität im Sinne des argumentativ Erschwinglichen. Ich kann nicht sehen, wo Sie diese Doppelsinnigkeit von Rationalität geklärt hätten, wobei zuzugeben ist, dass ein Durchackern durch den Blätterwald z.B. Ihres Hauptwerks Theorie des kommunikativen Handelns, womöglich ein mehrmaliges, ein kaum zumutbarer Heroismus ist. Schon die unübersichtliche literarische Darbietungsform erweckt Argwohn. Ich behaupte, dass sich kaum ein Student und nur wenige Kollegen in den verschlungenen Pfaden ihrer Gedankengänge einen Überblick erringen können. Das wirft ein Licht auf diese Art von Aufklärung. Dazu gehört, dass sich Definitionen, die etwa ein Max Weber niemals als unter seiner Würde betrachtete, kaum irgendwo finden. Warum eigentlich nicht? Zu einem Diskurs im Sinne der Argumentation würden sie streng dazugehören. Doch Sie wollen sich offensichtlich nicht einmal auf den Diskursbegriff selbst festlegen, viel weniger auf andere Instrumente eines streng argumentativen Diskurses – der freilich diejenigen Erkenntnisquellen frei lassen und schützen müsste, die nicht zu seiner eigenen Domaine gehören, wie das Vor- und Überdiskursive.
Sie begründen diese logische und erkenntnistheoretische «Großzügigkeit» vielleicht mit der These, dass alle Erkenntnistheorie abhängig von Gesellschaftstheorie sei. Wenn man diese mir überzogen scheinende These einmal dahingestellt sein lässt: Wo in Ihrem vieltausendseitigen Opus gewinnt denn eine Sozialtheorie die systematische Präzision, dass sie rückläufig die Erkenntnistheorie erhellen könnte? Vielleicht in Erkenntnis und Interesse? Da gehen Sie in persönliche Psychoanalyse, die damals unter Intellektuellen modische Therapieform, hinein, nicht aber in eine gesellschaftliche Psychoanalyse.
Die Gliederung des Handelns
Ich komme endlich zu den beiden Themen, zu denen meine Handlungstypologie den direktesten Anstoß gab. Das ist einmal die Gliederung des Handelns, zweitens das Verhältnis von Handlung und Sprache und damit Ihr Bekenntnis zum so genannten linguistic turn, zu dem Sie das Zweckbündnis mit K.-O. Apel verleitet haben mag.
Ihre Hauptunterscheidungen lauten in Theorie des kommunikativen Handelns: teleologisches (einschließlich dem strategischen, wohl auch dem instrumentellen) Handeln, normenreguliertes, dramaturgisches und kommunikatives Handeln (vgl. bes. Bd. I, 114-151). Ein systematischer Einteilungsgrund – etwa nach Maßstäben der Kantischen und Hegelschen Philosophie - ist hier nicht angegeben und auch nicht zu erkennen, obwohl Sie dem Leser sonst eine scheinbare Höchstreflektiertheit im Vergleich aller möglichen Autoren zumuten. Im Tonfall der diskursiven Aufklärung und der Allbelesenheit in der „internationalen“ Literatur werden die in Deutschland längst einmal erreichten Standards philosophischer Logik und Systematik ignoriert.
Ich habe schon früher und in diesem Buch erneut instrumentelles, strategisches und kommunikatives und metakommunikatives (normenreguliertes) Handeln als reflexionsgestufte Untergliederungen des sozialen Handelns gedeutet und meine, dem Gehalt dieser Ihrer Unterscheidungen damit auf systematischere Weise gerecht worden zu sein. Das gesamte soziale Handeln bildet aber in meiner reflexionstheoretischen Sicht lediglich den dritten der vier großen Handlungsstämme. Ihm geht logisch voraus erstens das objektbezogene Handeln. Diese sozusagen materialistische Komponente, vielmehr, diese objektbezogene Hauptgattung des Handelns entgeht merkwürdigerweise einem Nachfolger der Kritischen Theoretiker, für die „Materialismus“ (was immer er genauer besagen sollte: Handlungstheorie oder Objektfixierung?) stets einen Realitätsausweis bedeutete. Zweitens geht dem sozialen Handeln das innersubjektive Handeln voraus, für das zunächst subjektinterne Entscheidungen und Vorentscheidungen typisch sind.
Nun könnte man sagen, dass Sie sich unter dem Titel Theorie des kommunikativen Handelns nur mit dem sozialen Handeln beschäftigen wollten. Doch ist es in der philosophischen Theorie nicht möglich, nur einen Ausschnitt zu wählen, ohne den Bezug zum jeweiligen Ganzen zu thematisieren. Sie selbst wollen in anderer Hinsicht durchaus aufs Ganze gehen.
Das von Ihnen „dramaturgisch“ genannte Handeln gehört in der reflexionstheoretischen Systematik dem Ausdruckshandeln an, eine Bezeichnung, die schon bei Alfred Schütz außerhalb eines solchen systematischen Zusammenhangs bereit lag. Der Ausdruck „dramaturgisch“ erscheint mir nicht nur unangemessen pompös für die Vielfalt des alltäglichen Ausdruckshandelns, für das wir keine dramaturgischen Anleitungen brauchen. Er impliziert darüber hinaus eine Vermischung von Handlung und Sprache, sogar von Handeln und künstlerischer Metasprache.
Der linguistic turn
Dies führt nun auf das große Thema des linguistic turn, mit dem ich mich im ersten Hauptteil des Buches auseinandersetze. Ich möchte in diesem Schreiben nicht die mir abstrus erscheinende Behauptung widerlegen bzw. erneut ihre Unbegründetheit aufzeigen, dass „die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt“ (Wittgenstein) seien in dem Sinne, dass es kein vorsprachliches Wahrnehmen, Erleben und Handeln gäbe. Dass alles Wahrnehmen, Erleben und Handeln schon im Erleben durch die sprachlich-kulturelle Zugehörigkeit des Erlebenden gefärbt ist, kann doch einen vernünftig Urteilenden nicht zu der Behauptung verleiten, dass diese menschlichen Bereiche selbst wesentlich sprachlich konstituiert seien. Wenn ein sprachlich sensibler Mensch von Deutschland über die Grenze des französischen oder polnischen Sprachgebietes fährt, ändert sich zwar sofort sein sprachlicher Habitus, sogar die Nuancen seines Welterlebens. Dennoch sind seine Handlungen des Autofahrens, des Essens sowie seine Art der Wahrnehmungen, sein Umgang mit den Naturgesetzen wie die sozialen Interaktionen im Verkehr wesentlich dieselben wie in Deutschland. Welchen Erkenntnisgewinn soll die Vermischung von Handeln und Sprechen statt ihrer Bezugnahme aufeinander bringen?
Apels diesbezügliche Diskussion (in seinem Buch Auseinandersetzungen von 1998) mit dem späteren Searle, der Bewusstseins-Intentionalität statt der Sprache wieder zum Ersten macht, läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass alle sprachliche Deutung und Erklärung dieses elementar menschlichen Weltverhältnisses eben schon immer und in allem sprachlich sei. Das ist keine Erkenntnis, sondern eine Tautologie, die nahe an das Sophisma herankommt, dass alles Menschsein ausschließlich in der Sprache stattfinde, weil wir ja sonst nicht darüber sprechen könnten. Dass solche Sophismen in der Gegenwartsphilosophie bei den nachgeordneten Geistern gang und gäbe sind, ist ein zweifelhaftes Verdienst gerade der Linguistic-Turn-Theorie, die Sie sich spätestens in Ihrem Beitrag zu Sprachpragmatik und Philosophie (1976) zu Eigen gemacht haben.
Fehlen philosophischer Sprachtheorie
Die eigentliche sprachtheoretische Auseinandersetzung wird im zweiten Band dieser Philosophischen Semiotik, der Sprachtheorie, stattfinden. Vielmehr, sie hat 1981 bereits stattgefunden, ohne dass irgendeiner der Linguistic-Turn-Theoretiker sich darum meinte kümmern zu müssen – alles dies im Namen eines „herrschaftsfreien Diskurses“! Man kümmert sich – herrschaftsfrei – gerade um das, was in Deutschland bei Suhrkamp in Frankfurt erscheint, nicht womöglich bei Bouvier in Bonn. Seltsamer Weise ist aus dieser panlinguistischen Richtung keine einzige nennenswerte philosophische Sprachtheorie hervorgegangen. Ihre eigenen Ausführungen zur Sprachpragmatik sind in der Systematik durchwegs von John Searle abhängig. Den Unterscheidungen liegt zwar eine Vierer-Systematik zugrunde, die jedoch für philosophische Ansprüche nicht genauer reflexionstheoretisch begründet ist und daher gravierende Unstimmigkeiten aufweist.
Sprache stellt in meiner Sicht nichts anderes dar als das Metahandlungs- und Zeichensystem des sich äußernden Selbstbewusstseins in seinen Weltbezügen. Wenn man jedoch Handeln von vornherein mit Sprache vermischt, kann man sie nicht mehr fruchtbar aufeinander beziehen: So sind weder Handlungstheorie noch Sprachtheorie möglich. Ihre diesbezüglichen Werke widerlegen diese Behauptung nicht, sondern bestätigen sie. Die Zukunft wird ans Licht bringen: Sie und Apel oder ihre Schüler haben beides nicht entwickelt. Sie haben die große Chance, welche die Philosophie in den 68er Jahren mit ihrer unerhörten gesamtgesellschaftlichen Popularität hatte, mindestens teilweise verspielt durch unnötige Entgegensetzungen wie die von Handlung und System und unzulässige Vermischungen wie die von Handlung und Sprache. Sie haben die kritischen Wogen, die Sie so rasch empor getragen haben, durch eine Art von verunreinigtem akademischen Ölgemisch geglättet.
Kommunikatives Handeln auch vorsprachlich
Wenn Sie insbesondere den Begriff des kommunikativen Handelns in Ihrer diesbezüglichen, zwei- und mehrbändigen Theorie zunächst ohne Rekurs auf die Sprache entwickelt hätten, hätten Sie den Gedanken der Kommunikation als doppelt reflexive interpersonale Gegenseitigkeit strukturieren können. Durch die Unterscheidungen von instrumentell, strategisch und kommunikativ waren Sie nahe daran. Sie hätten meine Vorschläge als Hilfe betrachten können. Doch zogen Sie den Stallgeruch der zur folgenlosen SPD-Philosophie degenerierenden und zunehmend unkritischer werdenden „Kritischen Theorie“ vor, indem Sie diesem Erbe ein modisches angelsächsisches Mäntelchen umhängten und das Potential der großen europäischen Philosophie nicht konstruktiv weiterführten. Sie haben Hegel nicht als Philosophen der gelebten Reflexion, also des reflexiv strukturierten Lebens, in seiner Einseitigkeit (dass die Theorie das letzte Wort habe) korrigiert, sondern ihn gerade in dieser Hinsicht weitergeführt und so dialektischer Weise als Denker der immanenten Reflexion verleugnet, damit aber gleichzeitig Ihren vielberufenen Marx und die Synthese beider Denker verpasst. Diese Synthese liegt meiner Einsicht nach – scheinbar sehr schlicht - in der Bezugsetzung von gelebter und ausdrücklicher Reflexion, von reflexionsstrukturierter Praxis und Theorie.
Was Sie von Hegel übernommen haben, ist der Habitus, dem Weltgeist über die Schulter zu schauen und jede Willkürbewegung der jüngeren Philosophiegeschichte wie evolutiv notwendige Schritte dieses Weltgeistes darzustellen: Solche Verklärung der akademischen Besitzstände blieb uns also vom historischen Materialismus der Frankfurter Schule – nicht etwa eine Geschichte der gelebten Reflexion, welche die bis heute wahrhaftig unüberbrückten ökonomischen, politischen, kulturellen und religiösen Klassengegensätze differenziert zu thematisieren hätte. Ich meine die grundsätzlichen Verwerfungen im Geldsystem, in unserer Halb- oder Viertelsdemokratie, in den kulturellen Kommunikationsflüssen sowie in einer der Definitions-Übermacht der traditionellen Konfessionen und der Wirtschaft unterworfenen, daher nicht ernsthaften Verwirklichung der Grundwerte, die Überbau-Ideologie bleiben wie z.B. in Sachen „Recht auf Arbeit“. Ich vermute, in diesen materialen gesellschaftlichen Fragen besteht sogar weitgehende Übereinstimmung, nicht aber in den methodischen Haltungen und allem, was aus ihnen folgt.
Präverbale Kommunikation und nicht-entfremdete Handlungssysteme
All diese wie sämtliche materialen gesellschaftlichen Strukturen hängen in der Tat an der Frage: Wer kommt zu Wort und wird gehört? Insofern stimme ich mit Ihnen überein, dass Kommunikation das Schlüsselproblem der Gesellschaft ist. Indem Sie aber das Kommunikationsproblem einseitig zum Sprachproblem und dann zum Diskursproblem machen, zeigen Sie nicht nur wenig Verständnis für die Fülle präverbaler Kommunikationsarten (Hilfe, Zärtlichkeit, Vertrauen), sondern entwickeln auch keine strukturelle Sozialtheorie, die etwas ganz Anderes ist als je individuelle Sprachpragmatik. Mit ihr ist sowenig Gesellschaft erfasst wie mit sprachlicher Grammatik. Strukturelle Grammatik der Gesellschaft hingegen schließt Systemtheorie ein. Darin hätte ihr einstiger Kontrahent Luhmann völlig Recht, wenn er seinerseits Systeme als (reflexionskonstituierte) Handlungssysteme gedacht hätte. Das Anerkennen präverbaler Kommunikation von den Intentionalitätsstrukturen der interpersonalen Reflexion her korrespondiert mit der Sichtung und bürgerschaftlichen Steuerungsmöglichkeit nicht mehr entfremdeter Systemzusammenhänge. Wenn man diese von Handlung grundsätzlich entfremdet denkt, können sie, so das Wirtschafts- und Rechtssystem, auch nichts Anderes als Entfremdungszusammenhänge bleiben. Die Engführung der Kommunikation über die Sprache verhindert solche Einheit von Handlungssystemtheorie. Sie verhindert nicht zuletzt die Rekonstruktion der universalen Sprachstrukturen selbst aus den tieferliegenden Intentionalitätsstrukturen.
Gelebte Reflexion der Kommunikation und Diskurs
Mit K.-O. Apel hatte ich in Berlin einen kurzen, von seinen Getreuen – bezeichnenderweise - eiligst abgebrochenen Diskurs über Diskurs und Dialog: Er versteht nicht die grundlegende Unterscheidung von ausdrücklich-theoretischer und gelebter Reflexion, weshalb der theoretische Diskurs auch für ihn das Höchste ist, entsprechend der schwächsten Seite bei Hegel, indem dieser die objektivierende theoretische Reflexion über den strukturell höheren reflexiven Lebensvollzug stellte. Ich kann mir nicht denken, dass Sie damit wirklich konform gehen. Aber geklärt haben Sie das nicht. Die Alternative: Sie müssten zum Theoretiker der gelebten Reflexion, somit des Lebens werden – statt in der innerakademischen, sich allein um sich selbst drehenden Reflexion zu verharren. Dialogische Kommunikation dagegen ist gesellschaftliches Leben, das man dann behutsam theoretisch steuern kann, wenn man den Bezug dieser Reflexionsarten aufeinander erfasst und ihnen, wie angedeutet, institutionell Rechnung trägt. Sie hätten auch in Ihrem Alter die Chance zu grundsätzlichen Korrekturen, wenn Sie wenigstens einen Teil der hier vorgebrachten Einwände als triftig anerkennen würden. Es handelt sich nicht um eine Frage des Alters, sondern der Größe, sich selbst korrigieren zu können.
In diesem Sinne mit den besten Wünschen und freundlichsten Grüßen!
Ihr
Johannes Heinrichs