Rendite statt Respekt. Wenn Arbeit ihren Wert verliert“

 

Ein Offener Brief an Anne Will

von Johannes Heinrichs

 

Sehr geehrte Anne Will,

Ihre erste ARD-Talkshow in Nachfolge von Sabine Christiansen habe ich mit großem Vergnügen und positiver Überraschung gesehen: Die Art, wie Sie nicht nur vorgeblich neutral moderieren, sondern selbst eine gewisse Position durchblicken lassen und diese zumindest als Problem- und Frageposition konsequent Antwort suchend verfolgen, scheint mir nicht nur legitim, sondern viel versprechend: Dass wir in diesen vielbeachteten Diskussionen vielleicht doch einmal vom großen Palaver, das meist für alle Seiten enttäuschend ausgeht wie das Hornberger Schießen, zu gewissen Problemabklärungen in kommen. Ich wünsche Ihnen zu diesem neuen Stil (wenn ich ihn denn richtig verstanden und gedeutet habe) weiterhin allen Erfolg!

 Inhaltlich gesehen, war an Ihrer ersten Diskussion schon der Titel höchst bemerkenswert. Er findet bei mir große Resonanz. Der Kern der Rendite – sehr zu unterscheiden vom legitimen und notwendigen Unternehmensgewinn, auch vom Unternehmerlohn zu unterscheiden und schließlich noch von einer gewissen Risikoprämie des Unternehmers – besteht in der Vorstellung: dass das Geld selbst arbeite und eines Lohnes wert sei. Rendite im strengen und eigentlichen Sinne ist: Kapitallohn. Darin liegt etwas Ungeheures, ja ein wahres, weltgeschichtliches Ungeheuer. Das ist die Vorstellung, nicht allein der Mensch würde arbeiten, sondern seine Instrumente. Zu diesen Instrumenten zählen die Maschinen. Manche meinen ernsthaft, die Maschinen würden arbeiten. Wer diese Vorstellung hegt, hat dem Ungeheuer bereits seinen kleinen Finger gereicht, und es wird die ganze Hand schnappen. Die ganze Hand, das ist die Vorstellung: Nicht allein dieses Sachkapital in Form von Maschinen und Anlagen und Rohstoffen, sondern das letztlich dahinter stehende Geldkapital würde selbst arbeiten!

 Diese verhängnisvolle Vorstellung ist auch in der alten, volkswirtschaftlichen Formel schon versteckt, es gäbe drei Produktionsfaktoren: Arbeit, Rohstoffe und Kapital. Dass Arbeit das Gewinnen und Bearbeiten von naturgegebenen Rohstoffen darstellt, dass wir also mit dem Faktor Mensch und Natur zu tun haben, ist unbestreitbar. Aber das Kapital als Drittes? Sicher braucht ein Unternehmer Kapital, um Rohstoffe, Werkzeuge (Maschinen) und menschliche Arbeit bezahlen zu können. Doch bildet das Kapital deshalb einen eigenen Produktionsfaktor? Dann müssten wir auch die Werkzeuge, Maschinen in den Rang eines eigenen Produktionsfaktors erheben. Sie sind jedoch reine Instrumente in der Hand des Menschen: Instrumentalursachen, nicht eigene Wirkursachen. Ebenso ist das Geld nur Instrumentalursache, keine eigene Wirkursache (wie ich auch, in gut scholastisch-philosophischer Terminologie, in meinen persönlichen Gesprächen mit dem damaligen Nestor der Katholischen Sozialwissenschaften, Oswald von Nell-Breuning, überein gekommen bin). Diese Einsicht hat jedoch weitreichende Konsequenzen: Ebenso wenig, wie das Sachkapital, vor allem die Maschinen, für ihren unentbehrlichen Dienst zu bezahlen sind (es sei denn durch Wartung und Erneuerung ihres Verschleißes), ebenso wenig das Geldkapital.

Wenn jemand behauptet, das Kapital würde verschleißen wie die Maschinen, setzt er bereits die Vorstellungen von dessen Mühen und damit den unseligen Zinseszinsmechanismus voraus, wonach das Kapital selbst kostet. Der berüchtigte Zinseszins ist umgekehrt hauptsächlich (wenn wir von einem legitimen Risikofaktor absehen, der in seinem Verleih liegt) begründet in der Vorstellung, das Kapital würde einen Lohn für seine harte Arbeit pro Zeiteinheit verdienen: Es würde nicht allein alt werden und verschleißen wie die Maschinen, sondern auch noch Futter und Lohn erfordern. Vorstellungen, die eigentlich lächerlich wären – wenn sie nicht die schon besagten weltgeschichtlichen Auswirkung hätten: die Lohnforderung für das Kapital als solches, die sich Rendite nennt.

Gesteht man dem Kapital einmal diesen Anspruch auf aktive Mitwirkung und daher auf Lohn zu, ist es in der Tat um den Respekt vor der menschlichen Arbeit und vor allen anderen Werten wie den ökologischen geschehen: Entweder verdient die menschliche Arbeit, körperliche und geistige, allein Respekt und Lohn – oder das somit zum Ungeheuer stilisierte Kapital, das sich via Rendite als Kapitallohn selbst zu vermehren beginnt.

Hier liegt der eigentliche, selbst von SPD und Gewerkschaften (aus Furcht vor „Marxismus“) sorgsam verschwiegene Grund, weshalb die Großkonzerne immer reicher werden, je mehr sie sich von arbeitenden Menschen entlasten. Nur freilich muss die harte „Arbeit des Kapitals“ vergütet werden, das weltweit die beste Anlage sucht! Bei dieser Selbstvermehrung gibt es keine Rücksicht auf

·        arbeitende Menschen, auf Menschenwürde überhaupt

·        auf Regenwälder und irgendwelche anderen Naturschönheiten

·        auf öffentliche Dienstleistungen (wie selbst in Zeiten des Hochkapitalismus noch Bahn und Post)

Das Rendite suchende Kapital ist Selbstzweck – solange freilich seine Selbstvermehrung klappt, die letztlich doch auf der Arbeit der Menschen beruht. Das Ideal der Kapitalbesitzer wäre es freilich, diese Erinnerung an die wertschöpfende Arbeit ganz tilgen zu können. Das Ideal wäre ein weltweiter automatisierter Maschinenpark, den wenige Hochbezahlte im Auftrag noch weniger Superreicher warten könnten.

Insofern, verehrte Anne Will, haben Sie mit dem Titel „Rendite oder Respekt. Wenn Arbeit ihren Wert verliert“ voll ins Schwarze getroffen! Sie haben den neuralgischen, aber von fast allen verdrängten Punkt der ganzen Debatten um „Reformen“ des Sozialsystems und Arbeitslosigkeit getroffen.

Ich werde diesen Offenen Brief an Sie in der Monatszeitschrift HUMANWIRTSCHAFT veröffentlichen lassen. In deren Kontext habe ich schon früher zum Thema geschrieben „Kann Geld doch arbeiten“ (jetzt in: Johannes Heinrichs, Sprung aus dem Teufelskreis. Wirtschaftsethik Bd.I, München 2005). Dort steht normalerweise das Thema Zins im Mittelpunkt der Diskussion. Den Hauptbestandteil des Zinses als Kapitallohn = Rendite zu deuten, ist dort aus historischen Gründen nicht ganz so geläufig, weil man statt dieses Arbeitsparadigmas das von Silvio Gesell überkommene Hortungsparadigma in den Vordergrund stellt.  Eben deshalb wird dieser Gesichtspunkt, wieder angeregt durch das Thema Ihrer ersten Sendung, auch für die dortige Leserschaft von großem Interesse sein. Für diese sei hinzugefügt: Auch eine Umlaufsicherung des Geldes als Maßnahme gegen die Zurückhaltung oder Hortung des Geldes wäre nur ein erster, vielleicht notwendiger Schritt. Da heute das große Geld täglich in Billionenhöhe, nach optimaler Anlage suchend, um den Globus gejagt und keineswegs bloß gehortet wird, wird auch die Unterbindung der Hortung durch Umlaufsicherung (Negativzins auf nicht in den Kreislauf gegebenes Geld) nicht ausreichen. Nicht bloß notwendige, sondern hinreichende Maßnahme kann allein die weltweite, gesetzliche Unterbindung der entwürdigenden Entlohnung des Geldes statt der Menschen sein. Erst in dem Moment könnte die Mehrheit der Menschheit sich der gewachsenen Produktivität der Arbeit freuen, die jetzt nur einer Minderheit der Kapitalbesitzer und deren glücklichen Günstlingen, den Inhabern gut bezahlter Arbeitsplätze, zugute kommt.

Ich wünsche Ihnen aufrichtig, dass Sie das brisante Thema, eines der brisantesten überhaupt, nicht bald eingeschüchtert fallen lassen müssen, dass Sie sich die in Anspruch genommene Freiheit des kritischen Journalismus selbst an dieser prominenten Stelle bewahren können. Ich wünsche Ihnen somit nicht nur optischen, sondern tatsächlichen Erfolg im Sinne unseres ganzen Gemeinwesens!

Mit den freundlichsten Grüßen:

Johannes Heinrichs Duisburg, den 19. September 2007